Sonntag Jubilate 3. Mai 2020

Liebe Gemeinde,
am letzten Sonntag haben wir vom guten Hirten gehört, der bereit ist, sein Leben für seine Schafe zu geben. Dieser gute Hirte fragt uns, ob wir im Gegenzug bereit sind, als seine Schafe zu leben.
Auch diese Woche zeichnet uns der Predigttext wieder ein Bild vor Augen. Immer wieder tut das die Bibel: An den Stellen, wo es wirklich zur Sache geht, wo es manchmal auch kompliziert wird, malen uns Bibeltexte Bilder und Gleichnisse. Von Jesus hören wir einmal, dass diese Bilder uns helfen sollen, etwas Kompliziertes zu verstehen. Und oft gelingt das auch. Ein Vergleichs-beispiel aus meinem Alltag kann ich leichter fassen als manchen dogmatischen Paulustext. Und doch können solche Bilder noch etwas anderes: Sie können uns in die Tiefe führen. Wenn ich bereit bin, mich ganz und gar in ein biblisches Bild hineinzudenken, hineinzufühlen, dann verstehe ich nicht nur die Worte Gottes in diesem Bibeltext, sondern dann sprechen sie in mein Leben hinein. Eines der schönsten und tiefgründigsten biblischen Bilder, eines der sogenannten „Ich-bin-Worte“ Jesu, eröffnet unseren heutigen Predigttext. Ich lade Sie ein, den Text nicht nur zu lesen, sondern ihm Raum zu geben und ihn auf sich wirken zu lassen: Johannes 15,1–8.
Der Blumenstrauß zum Geburtstag ist eine Freude – aber eine Freude auf Zeit. Wir geben ihm frisches Wasser und machen auch das Haltbarkeitspulver hinein, und trotzdem wissen wir, dass die Tage gezählt sind. Sobald eine Blume abgeschnitten ist, lebt sie nicht mehr beständig, sondern geht auf ihr Ende zu. Von nichts anderem erzählt Jesus in seinem Bild vom Weinstock und den Reben. Und doch sagt er noch so viel mehr:
Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.: Jesus Christus ist nicht irgendein Weinstock, von dem ich Lebensenergie beziehen kann, sondern er ist der einzig wahre. Und Jesus beschreibt Gott als den einen Weingärtner. Er ist also derjenige, der alle Reben im Blick hat, täglich seinen Weinberg bewandert und begutachtet. Der sein Eigentum hegt und pflegt. Er sorgt sich um das Wohlergehen. Er beschneidet. Und lässt Zeiten der Ruhe. Er liest Schädlinge ab und schließlich erntet er. Sind wir uns dessen bewusst? Unser Gott macht sich täglich auf den Weg, um zu sehen, ob es uns gut geht. Um zu kontrollieren, dass wir alles haben, was wir brauchen. Er sitzt nicht in seinem Heiligtum und wartet auf Gebete, sondern er kommt zu uns – Tag für Tag.
Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.: Und doch wurzeln wir nicht allein in der Erde, sondern sind „lediglich“ Reben an einem Weinstock. Wir leben nicht allein – immer in der Unsicherheit, ob die Erde genügend Wasser für uns bereit hat. Nein, wir werden beständig versorgt von Jesus selbst. Wir leben im wahrsten Sinne „aus ihm heraus“. Das ist der Ort, an dem unser Leben als Christen stattfinden soll: in ihm verwurzelt. Im Vertrauen darauf, dass er uns versorgt.
    Wie kann das aussehen? Was ist das lebensnotwendige Wasser, nach dem ich gerade lechze? Die letzten Wochen fühlen sich an, wie eine riesige Dürre, in der wir hautnah erleben, was wir wirklich zum Leben brauchen. Es entsteht ein regelrechter Durst: Wir alle dürsten nach Begegnungen. Wir brauchen andere Menschen – ein flüchtiger Händedruck fühlt sich auf einmal besonders an. Wir sehnen uns danach, die Familie wieder einmal ganz real zu sehen – gemeinsam an einem Tisch zu sitzen und zu essen. Die Nachbarin zum Kaffee einzuladen. Und wir sehnen uns nach „dem Normalen“. Wir merken, wie anstrengend es ist, alles genau zu bedenken, ständig neu zu strukturieren und organisieren. Sehnen Sie sich nach einem ganz normalen Gottesdienst?
Die Corona-Dürre dieser letzten Wochen lässt uns Durst verspüren nach Dingen, die ansonsten normal und selbstverständlich sind, bei denen wir teilweise gar nicht geahnt haben, dass wir sie so sehr benötigen. In Jesus selbst zu wurzeln, kann uns die Augen dafür öffnen, wie viele und welche Dinge wir wirklich für ein gutes Leben benötigen. In Jesus zu wurzeln kann unsere Augen öffnen dafür, dass unser Schöpfer uns all dies zur Verfügung stellt. Er hat eine Welt erschaffen, in der er uns mit sehr viel mehr versorgt als dem täglichen Brot – mit allem, was wir wirklich brauchen.
Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.: Wir in ihm und er in uns. Jesus will mehr. Wir sollen uns nicht nur in seiner Nähe aufhalten und ihm folgen. Wenn wir wirklich in ihm wurzeln, dann sollen wir ganz und gar in ihm leben. Paulus spricht davon, dass wir in der Taufe Jesus Christus angezogen haben wir ein Gewand, das wir nie wieder ablegen. Er wird uns zu einer zweiten Haut.
Ich blicke auf mein Leben und sehe Momente, in dem er mir ein Gegenüber ist, und andere Momente, in dem ich über ihn rede. Doch in der gesamten restlichen Zeit, hoffe ist, dass er mein Leben und Arbeiten beeinflusst, als würde er es alles umgeben: Er motiviert mich zu Gewissenhaftigkeit in der Planung. Er strahlt aus meinem Lächeln, das ich der Verkäuferin schenke. Er schenkt mir Weisheit im hitzigen Streit. Und er tut noch so viel mehr. Das jedenfalls erhoffe und erbitte ich von ihm.

Und das ist nur die oberste Schicht dieses Bildes, in dem sich Jesus nicht nur selbst offenbart. Sondern er zeichnet uns auch ein Bild davon, wo wir eigentlich hingehören und wie ein Leben aussehen soll und kann, wenn wir uns bei ihm und in ihm verorten.
So vieles mehr findet sich in diesem Bild, was ich in einem Kurzgottesdienst leider nicht alles bedenken und ergründen kann. Diese Bereiche unseres Predigtbildes würde ich ihnen gern mit auf den heutigen Sonntagsspaziergang geben:
- Wo spüren Sie es, dass Gott Sie reinigt, damit sie noch bessere Frucht bringen?
- Haben Sie es schon einmal erlebt, dass Sie „weggenommen“ wurden vom Weinstock, dass ihre Verbindung zu Gott gekappt war? Was für ein Leben ist das gewesen?
- Unsere Glaubensfrüchte dienen nicht nur anderen, sondern auch der Verherrlichung des Vaters! Was für eine Aufgabe! Was für eine Ehre!
- Welche Schädlinge bedrohen uns oder unsere Verbindung zum Weinstock? Kenne ich sie? Meide ich sie?
- Was tun wir dafür, dass seine Worte in uns bleiben?
- Als versierter Weingärtner weiß Gott, wann Reben zu beschneiden sind und wann sie frei wachsen müssen. Vertrauen wir darauf oder spielen wir gern selbst einmal Weingärtner?

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Start in die neue Woche!
Bleiben Sie in Verbindung – mit unserem HERRN und untereinander!
Herzliche Grüße, Ihre Pfarrerin Claudia Matthes